Die Aussicht samt Grillenkonzert am Montagabend war zu nett, um später noch viel zu schreiben. Hier daher wie‘s weiterging auf dem Berge:
Als ich endlich spät abends zum Hof zurück komme, ist niemand mehr zu sehen. Ich mache mir etwas zu Essen und gehe anschließend zum Haus der Altbauern. Durchs Fenster sehe ich die Neue zwischen den Altbauern nebst Unterhosenwiederdoppelplusnachbar am Esstisch sitzen. Ich nähere mich vorsichtig der verschlossenen Küchentür und höre die Worte „Lukas“ und „Ävangelium“. Ich entferne mich noch leiser als ich gekommen bin.
Zwischen den Häusern treffe ich auf den Enkel. Wir unterhalten uns tatsächlich ganz nett eine Weile, irgendwann ertönt über uns die laute Stimme des Altbauern auf seinem Balkon. Fritz verkündet er gehe nun schlafen, die Frauen unterhielten sich aber noch über die Bibel, wir könnten ja dazukommen.
Da sitzen wir also wenig später am Küchentisch, während Beate der Neuen vom Erlöser erzählt und Erklärungszeichnungen anfertigt sowie praktische Tipps zur Lesereihenfolge der Bibel gibt. Die Neue nickt ganz viel und sieht sehr lernwillig aus, ich nehme eine bequeme Publikumsposition ein.
Der Enkel langweilt sich ein bisschen. Als Beate der Neuen schließlich feierlich eine Bibel schenken will, diese aber einfach dankend ablehnt (charmante Erklärung: wenn, dann wolle sie eine eigene Bibel) wirft der Enkel ein, dass man die Bibel auch als PDF lesen könne. Er habe da diese praktische App, mit verschiedenen Übersetzungen, Lesezeichen, Markierungsfunktion und Vorleseoption! Die Bibel als Hörbuch.
„Und du konnsch in da App sogar die Oma als Freund zufügen!“ und er zeigt es uns.
Jetzt finde ich es fast schon süß.
Um halb zehn schließlich hat die Neue zum dritten Mal versprochen vor dem Schlafengehen noch eine Weile in der Bibel zu lesen und zieht mit dem schwarzen Lederexemplar in der Hand ab, ich folge.
In unserem Flur erzählt sie mir noch, dass sie am nächsten Tag tatsächlich die Küchenhilfe-Mädchen-für-alles-Stelle auf einer Hütte antritt.
Also auch für sie ein happy End des Tages.
***
Am nächsten Morgen schließlich , dem Abreisetag, ist der wenig-Finger-Bruder vom ersten Tag wieder da. Von ihm erfahre ich, dass sich der Plan, wie ich heute Mittag vom Berg herunterkomme, zum vierten Mal geändert hat.
Aktuell soll der Sohn vom nächst höher am Berg gelegenen Bauernhof mich mitnehmen, da er eh in die Stadt fährt, beim Kirchtag helfen.
Bäuerin Beate hatte diesen erstmals vorgestern angesprochen und ich denke mir, dass also auch in der Stadt Kirche ein großes Thema ist.
Wir frühstücken gemeinsam, auch der Unterhosenplusnachbar kommt dazu, später sogar Beate, was eine Premiere ist.
Dann taucht auch die Neue auf. Sie hat nichts gefrühstückt, aber auch „irgendwie keinen Hunger“ (vermutlich noch satt von der Pizza?!). Die Verabschiedung der Versammelten fällt sehr kurz aus, ich wünsche ihr viel Glück mit der Hütte und weg ist sie.
Den Vormittag über helfe ich Beate noch ein bisschen (auf meine eigene Frage hin); sie bittet (!) mich draußen die Wäsche ab- und den feuchten Berg aus der Waschküche aufzuhängen.
Sehr viele gräulich-fleckige Teile mit Lüftungslöchern später bin ich damit fertig und habe zwischendurch mein Gepäck zuende gepackt und mich nochmal fünf Minuten aufs Bett gelegt – wer weiß wann ich das nächste mal dazu komme.
Kurz vor Mittag geselle ich mich nochmal zu Beate in die Küche und helfe ihr einen Berg Pfifferlinge aus dem Wald zu putzen, sie bedankt sich gar überschwänglich für die Wäsche und ganz herzlich mehrfach für die Pilze. Es ist ein bisschen als wolle sie den Dank für die letzte Woche heute Vormittag nachholen. Zwischendurch hat sie mich sogar gefragt wie es mir geht!
Da ich wahrscheinlich schon abgeholt werde, bevor das Essen fertig ist, bestärkt Beate mich darin mir Brote zu machen und Marillen einzupacken und überhaupt was ich so im Kühlschrank finde. Das mache ich und um 12:15 Uhr trage ich mein Gepäck herunter. Ich gehe noch einmal nach oben, um mich letztmalig ein wenig hinzulegen, da ruft Beate von unten.
Als ich in die Junggesellenküche komme, hat Beate mir dort einen Teller mit zwei großen, natürlich selbstgemachten, Knödeln in Pfifferling-Bergspeck-Soße nebst einer kleinen Schüssel Gartensalat angerichtet. Extra in der Junggesellenküche, damit ich, wenn ich abgeholt werde, schneller los kann.
Ich bin gerührt.

Während Beate wieder in ihre Küche geht, um das Essen für den Rest der Familie weiter zu bereiten, esse ich etwas hektisch knapp eineinhalb sehr leckere Knödel mit Soße und ein paar Gabeln Salat. Dann kommt ein Auto angeschossen, bremst knapp vorm Haus und eine Frau in meinem Alter mit hellblonden Haaren in rot-blauer Tracht rennt zum Haus. Sie stellt sich als die Freundin des Sohns des Nachbarn heraus und wird mich mitnehmen. Und sie ist spät dran. Ich lasse also das Besteck fallen, traurig das letzte Essen stehen, packe schnell mit ihr meine Rucksäcke in den kleinen vollgestopften Wagen und renne noch einmal um das Haus, um mich von Beate zu verabschieden. Unterwegs laufe ich an den Feriengästen auf ihrer Terrasse vorbei und rufe einen Abschied zu, dann bin ich in der Küche. Beate und ich drücken uns herzlich, sie wünscht mir in Windeseile alles Gute und ganz viel Segen und ich lasse Fritz und den Rest der Familie grüßen. Ich renne wieder heraus und der Unterhosennachbar ruft mir aus einem Hinterzimmer einen Abschied zu, ich erwidere diesen und jogge zurück zum Auto, den Feriengästen nochmal winkend und dem um die Ecke lugenden Hund einen Abschied zurufend.
Dann quetsche ich mich auf den Beifahrersitz, Motor läuft schon, die Füße zwischen zwei mit Panzertape zugeklebten Kochtöpfen und mehreren Wasserflaschen und meine Dirndl-Fahrerin gibt Gas.
So verlasse ich also mit Hochgeschwindigkeit den Hof. Während ich kurz noch an den Kugelblitz denke und mich mental von ihm verabschiede, erfahre ich von meiner Fahrerin, dass wir gleich noch den Nachbarssohn, ihren Freund, einsammeln. Der hatte mit dem Jungbauern Holz geschnitten und sie hatten beide keine Zeit mehr zum Essen gehabt – daher die Töpfe.
Kurze Zeit später sammeln wir den authentisch-wortkargen Freund ein und brausen mit hundertzwanzig Sachen über siebziger-Landstraße Richtung Stadt.
Während der Fahrt wird es trotz aufgekurbelter Fenster immer wärmer und ich lerne mehr über den Kirchtag. Was ich mir als fromme Prozession vorgestellt habe, sei das Oktoberfest Österreichs. Das gäbe es in einigen Orten an einem Wochenende, hier aber sogar die ganze Woche. Das Fest ziehe auch Massen an Italienern an und abends seien die Straßen voller Betrunkener.
Ok, das klingt tatsächlich nach Oktoberfest und wenig kirchlich.
Als wir nach zwei verpassten Abfahrten und einem haarsträubenden Wendemanöver über eine Brücke in die Stadt einbiegen, erblicke ich über den Dächern tatsächlich nebst Riesenrad eine riesige aufgeblasene Kunststoffbrezel.
Wir parken, plötzlich ist auch der wenig-Finger-Bruder da und zusammen mit dem Nachbarssohn und einem Dritten schält er sich aus der Arbeitskleidung und jeweils rein in sehr vielgetragene Lederhosen und ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „I ♡ Kirchfest“ in roten Glitzerpailletten.
Wir gehen, die Einheimischen mit Töpfen, ich mit meinen Rucksäcken, einer Handtasche und einer Tüte mit meinen Wanderschuhen, los zu ihrem Stand. Die Stadt gleicht einer großen Nordrhein-westfälischen Kirmes, gepaart mit Weinfest: Überall stehen Buden und Fressstände, man kann „I mog di“ Lebkuchenherzen kaufen und Schoko-überzogenes Obst und jedes Restaurant hat noch eine Art Biergarten vor seinem eigentlichen Gebäude aufgebaut, bestehend aus Zelten, Bänken und Tischen sowie einigen Bühnen, die noch leer sind.
Am ihrem Stand angekommen, einer Bar für Bier und Softdrinks, verabschieden wir uns, ich bedanke mich noch einmal für die Fahrt und schon sind alle mit ihren Aufgaben beschäftigt.

Zwanzig Minuten später, es ist 13:30 Uhr, bin ich komplett schweißgebadet am Bahnhof angekommen und schließe mein Gepäck dort ein. Als alles verstaut ist, muss ich mich erstmal weitere zwanzig Minuten in der Bahnhofshalle erholen. Danach verbringe ich noch über eine Stunde auf einer schattigen Bank am Fluss und schließlich wage ich mich nochmal in die Sonne und das Getümmel. Ich habe schließlich noch gut sieben Stunden bis mein Bus kommt.

Nach zwei Stunden in der Stadt klingen mir die Ohren: Jedes Restaurant und jede Fressbude hat seine eigene Volksmusik eingeschaltet, scheinbar nur mit einem Ziel: Den Nachbarn übertönen.
Überall rennen Frauen im Dirndl herum, egal ob Touristin oder Einheimische, Kleinkind oder Oma. Ich werde in meiner Wanderhose mit T-Shirt und Sneakers ab und an beguckt wie eine Bäuerin in alten Gummistiefeln auf der Fashion Week.

Als ich mich in eine ruhigere Nebenstraße flüchte, werde ich von einer Frau im Dirndl angesprochen.
„Hoas du kuaz zoit fü mieh?“
Na gut, heute habe ich davon tatsächlich sehr viel.
„Wir muache eine Umfragä zu Sebastian Kurz und wie ihr den fiendet…“
Ich denke, von Volksmusik und Dirndl angeleitet, an einen Schlagersänger und sage „Den kenn ich nicht.“
„Oachso, joa, der wor unsa Bundöskonzler gewese…“
Ah. Hups. Klick.
Von meiner Erkenntnis ermutigt fährt sie fort “Also wir suache Leute die guat fondä, was er so gmocht hat und sammeln Stiemmen und moachä ei Unterschrieftenlieste, mit E-Mail-Adr…“
Ich unterbreche, dass ich nicht so gut fand „was er gemacht hat“ und sie wendet sich prompt ihrem nächsten Opfer zu.
Der Nachmittag zieht sich gewaltig. Die Leute um mich herum sind völlig im Hype; ein überdrehter Teenager im obligatorischen Dirndl meldet sich mit „Kirchtog iesst!“ am Handy.
Ich finde noch ein bisschen Frieden in verschiedenen Geschäften und treffe jemanden, dem es gleich geht: Ein kleines Mädchen, vielleicht vier Jahre, kommt mit ihren Eltern aus der Drehtür des Supermarktes und hält sich, in dem Augenblick, als ihr Bereich sich nach außen öffnet, mit entsetztem Gesicht beide Ohren zu.
Es die Akustik erinnert tatsächlich an japanische Spielhöllen, wenn die Schiebetür aufgeht.
Aus sicherer Distanz beobachte ich mit einem Abendsnack am Fluss das Geschehen. Abendsnack aus dem Supermarkt , denn es gab schlichtweg kein Restaurant ohne Volksmusik. Und selbst hier am Fluss werde ich nun von der Live-Band einer Hotelparty beschallt. Ein Prosit auf die Gemütlichkeit.
Ziemlich plötzlich wird es sehr stürmisch, die Bedienung des benachbarten Eiscafés eilt heraus, um alle Schirme einzuklappen und dann setzt ein Regen ein, der in Köln sämtliche Keller geflutet und den Verkehr lahmgelegt hätte. Letztlich verbringe ich den Rest des sehr, sehr langen abends in dem Oma-Eiscafé. Auch hier plärrt laute Musik, aber immerhin Charts statt Volksmusik.

Mit zwanzig Minuten Verspätung kommt schließlich um fast halb zwölf der FlixBus und mein erster Reiseabschnitt endet ganz.