Tag 7: Frei und Dauerregen

Sonntag. Ich habe mir keinen Wecker gestellt und werde irgendwann wach, es ist noch recht dunkel, obwohl ich das Gefühl habe länger geschlafen zu haben. Bei einem Blick aus dem Fenster sehe ich warum.

Ich suche mir für heute ein langes Oberteil heraus und gehe in die Küche, es ist 8:20 Uhr. Jungbauer Lothar sitzt mit dem Unterhosennachbarn am Küchentisch, über ein paar Papiere gebeugt. Ich blinzele. Ist er es wirklich? Der Unterhosennachbar trägt ein Polo -ich sehe offiziell nach einer Woche erstmals Ärmel an ihm- und eine lange Jogginghose. Sensationell!

Wie nenne ich ihn denn jetzt?

Ich entscheide mich für Unterhosendoppelplusnachbar.

Als der Jungbauer rausgeht, fragt mich Unterhosendoppelplusnachbar, ob ich heute beim Mittagessen dabei wäre, es gäbe feine Schnitzel. Ich müsse das sagen, gestern hätten sie auf der Hütte ohne mich gegessen!

Ich denke mir, dass einige Leute hier einen falschen Eindruck darüber haben, warum ich nicht beim besagten Essen war.

Da ich in Lyon nach deutschem Verständnis bestimmt kein Brot mehr kriegen werde, frühstücke ich mal wieder zwei Scheiben davon. Da der leckere Bergcamenbert von gestern verschwunden ist, begnüge ich mich wieder mit Butter und Salz.

Beim Schmieren sehe ich durchs Küchenfenster die Altbäuerin Beate in Gummistiefeln und mit Eimer in der Hand durch den Nieselregen Richtung Hühnerstall laufen. Sie wird begleitet vom begeistertem Kugelblitz und dem Hund. Zu meiner Überraschung hatte ich schon vor Tagen festgestellt, dass sich die Katzen auch für den Kompost-Hühnerfutter-Eimer interessieren und ihn sogar abschlecken. Die Katzen hier sind definitiv nicht so verwöhnt wie unsere in Köln.

Ich räume gerade den Geschirrspüler aus, als Beate zur Küchentür reinkommt und wünsche ihr ein freundliches Guten Morgen. Tatsächlich bekomme ich heute zum ersten Mal ein ebenso freundliches Guten Morgen zurück. Sie sei erstaunt, dass ich so früh wach bin und scheint das löblich zu finden. Als nächstes fragt sie, ob ich gestern den Hühnerstall zugemacht hätte. Ich bejahe und sage ich hätte die Hühner zweimal eingefangen. Beate ist beeindruckt und meint ich sei „schoa oi ruichtuigä Buiärien!“

Ich verleihe mir geistig Ehren-Gummistiefel.

Sie erklärt, dass sie schon das Mittagessen vorbereitet hat, diesmal bin ich also wieder mit eingeplant, und dass sie gleich in die Kirche gehen. Ob ich mitkommen will. Ich verweise auf meine nicht-Religiosität. Sie erklärt mir, sie sei auch nicht religiös. Sie glaube zwar an den Jesus und Gott, aber sie sei nicht religiös.

Wir einigen uns trotzdem stillschweigend darauf, dass ich hier meinen Frieden habe und noch einen Salatkopf fürs Mittagessen putze, den sie mir gleich aus dem Garten bringt.

Ich räume noch ein bisschen die Küche auf, füttere draußen im Nieselregen Katzen und Hund mit den herumliegenden Käserindenstücken (ohne Kunststoff, Biokäse) und werde dabei vom Hund überrascht, der erst brav Sitz macht und dann plötzlich mit einem Hechtsprung in die Käserinde und meinen Finger beißt.

Zum Glück nur mit seinen Schneidezähnchem, die quasi nicht vorhanden sind; es ist kein Kratzer zu sehen. Trotzdem kriegen nur die Katzen den Rest der Rinde.

Danach gehe ich wieder rein, schnappe mir noch zwei Marillen und gehe in mein Zimmer. Sortiere ein paar Fotos, lese ein paar Mails. Draußen plätschert der Regen aus der Dachrinne.

Mit einem Schwupp ist es schon nach zwölf, mir fällt das Mittagessen ein. Bevor der Jungbauer mir wieder eine Einwort-Nachricht schicken muss, beeile ich mich rüber zu kommen. Bei einem Blick in die Junggesellenküche stelle ich fest, dass der geputzte Salat noch da steht und gehe mit ihm durch den Regen in die Altbauernküche.

Dort ist es heiß und dampfig, auf dem Herd stehen einige Töpfe, in denen Beate rührt.

Der Altbauer taucht in bestem geschlossenen Sonntagshemd und den obligatorischen Hosenträgern auf.

„Huannah! Wui lohng buis du schuh vuirodäd?“

Täglich grüßt das Murmeltier.

Als ich Auskunft gebe, fällt es ihm tatsächlich auch wieder ein.

„Wui WOAHSCHT dänn hui muagä? Biest niecht miet zua Messä gkummä? Hoa die koina oingluadä?“

„Nee, ich wollte wandern gehen!“ Er blinzelt. „Aber es hat geregnet!“ Er ist zu achtzig Prozent abgelenkt. Vorsichtshalber setze ich nach „Meinst du heute Nachmittag regnet es?“

„Noa!“ Thema gegessen.

Ich beäuge die Töpfe genauer. In einem sind dünne Fleischscheiben, wie ich später erfahre vom eigenen Jungrind und Pfifferlinge. Daneben Nudeln, dahinter köchelt eine Suppe.

Von der Altbäuerin erfahre ich, dass sie die

Pfifferlinge gestern selbst im Wald gesammelt haben. Das nenne ich mal regional!

Wenig später sitzen die Altbauern, der Jungbauer mit einem Bruder und der Enkel nebst Unterhosendoppelplusnachbarn am Tisch. Gebet. Wildes Beschaufeln der Teller kreuz und quer über den Tisch.

Nach dem Essen zerstreuen sich alle, beziehungsweise der Jungbauer steht wieder mitten drin auf. Als ich noch den Geschirrspüler aus- und wieder einräume, sehe ich, was aus den Johannisbeeren geworden ist.

Den Rest des Nachmittags gießt es in Strömen, die Söhne liegen auf Sofas im an die Küche angrenzenden Wohn-Esszimmer herum und ich wasche meine Wäsche.

Als ich der Bäuerin begegne und frage, ob die neue Helferin eine Deutsche ist, zuckt sie mit den Schultern. Sie weiß weder wer kommt, noch wann, noch wie lange.

Um 16:30 Uhr beschließe ich trotz Regen zu spazieren. Ich nehme die Kamera und mein Handy mit und schnappe mir den Regenschirm, den die Altbäuerin mir vorher gezeigt hat.

Ich trete vor die Tür, öffne den Schirm und mir fällt eine Ladung vertrockneter Geranienblüten auf den Kopf.

Trotz Regen beschließt auch der Hund mir zu folgen. Wir spazieren also eine Weile die Straße hinauf, er immer rund fünfzig Meter vor mir. Irgendwann kommt von hinten ein Auto und ich warte am Seitenrand. Im nächsten Moment spannen sich bei mir alle Muskeln an, als Bello, statt zur Seite zu gehen, wild bellend auf das Auto zurennt und noch mehr bellend in Kampfstellung genau davor springt.

Das Auto hupt kräftig, hält voll drauf und in letzter Sekunde springt der Hund weg.

Es folgt ein Spaziergang, an den ich mich lange erinnern werde. Der Nebel ist teils so dicht, dass alle paar Meter plötzlich eine neue Ansicht vor mir auftaucht, ich nie weiß in welche Richtung der Weg biegt.

Mal schälen sich riesenhafte Bäume aus dem Nebel, mal blickt mich plötzlich eine Kuh an, die ich bis auf wenige Schritte Entfernung nicht sehen konnte.

Irgendwann, eine Spazierstunde später, in der Bello ab und an stehen bleibt, um zu sehen wo ich bleibe (meist wenn ich ein Foto mache), lässt der Regen nach und der Himmel wird langsam heller.

Ich hänge den Schirm an den nächsten Zaun, wohlwissend, dass ich die gleiche Strecke zurück komme.

Während ich weiter bergauf gehe, verschwindet der Hund immer mal wieder, tauche aber auch immer wieder auf.

Allmählich sehe ich ein paar Ausschnitte von Alm und benachbarten Bergen durch den Nebel. Schließlich entdecke ich eine Quelle.

Und als ich näher komme noch eine.

Scheinbar haben meine Höfler hier ein Depot, ähnlich wie der Kühlschrankinhalt unten am Berg wirkt es etwas vergessen.

Schließlich stoße ich auf ein kleines Gebäude. Wahrscheinlich die Holzfällerhütte, auf der die Familie gestern war. Zwar sehe ich hauptsächlich verschiedene Wolkenlagen, jedoch kann ich mir den Ausblick gut vorstellen. Von hier aus sieht man bei gutem Wetter den Triglav, Sloweniens höchsten Berg.

Aber mir gefällt die Aussicht auch so. Bello fühlt sich offenbar auch am Ziel und tobt um die Hütte herum.

Es ist irgendwie auch ein bisschen beruhigend ihn dabei zu haben, denn er hat offenbar einen ausgeprägten Schützerinstinkt. Gestern meinte er auch schon mich retten zu müssen: Eine halbe Stunde bevor es gewitterte, war ich noch einmal zur Bank oberhalb des Hofs gegangen und hatte dort Aussicht und Ruhe getankt. Aus Sicht des Hundes zu lange, denn als ich bei den ersten dickeren Regentropfen und einsetzendem Donner endlich runter kam, rannte er mir entgegen und gab sein Bestes, mich winselnd und demonstrativ ein paar Schritte vor und zurück rennend zur Eile zu treiben. Erst am Haus angekommen war er wieder ruhig und glücklich, dass ich ihn mit in den Flur ließ.

Ich genieße noch eine Weile die Aussicht und kehre dann um, Bello vor mir rennend.

Auch der Rückweg hält einige schöne Perspektiven bereit und kurz vor dem Hof beschließe ich noch eine Weile auf der Bank zu sitzen und die Stelle des Nebels, ähnlich wie bei tiefem Schnee, zu horchen.

Bello rennt derweil schon vor und aus der Ferne höre ich die schrille Stimme der Altbäuerin:

„Huund! Wu woars du?

Buah!“(eventuell der Geruch des Regen-Nebel-nassen Fells) und nochmal:

„Wu woarsch du?“

Eine Weile später höre ich wie Jungbauer Lothar jemandem einen Parkplatz zuweist und dann eine weibliche Stimme. Die neue Helferin ist angekommen, eindeutig eine Deutsche.

Ich treffe sie etwas später oben in ihrem Zimmer (das andere mit verstopftem Waschbecken) und stelle mich vor. Wir plauschen ein paar Minuten miteinander, sie ist sehr nett und sehr müde. Erinnert mich an meinen ersten Tag.

Ich wünsche ihr innerlich viel Glück hier und laut erstmal eine gute Nacht.

Unten treffe ich noch kurz die Altbäuerin und frage, was sie morgen mit mir vorhat. Etwas ganz was besonderes hat sie sich ausgedacht. Oha, ich gucke gespannt. Brote backen!

Ich freue mich, bei meinem Brotkonsum hier mehr über dessen Entstehung zu lernen 🙂

Nur für meine Impfung muss ich am Vormittag noch irgendwie zum Arzt. Der Unterhosendoppelplusnachbar, der am Küchentisch sitzt (Altbauer Fritz ist schon im Bett) und das mitbekommen hat, schlägt mir vor mich selbst zu impfen. Oder er könne das machen.

Sind wir nicht alle Unikate?

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