Tag 6: Vonwegen frei. Fluchtplan vollendet und schwarze Johannisbeeren mit Erschwernissen

Es ist Samstag ich schlafe etwas aus, bis 7:45 Uhr. Laut den Richtlinien der Jobvermittlung soll ich maximal vier bis fünf Stunden am Tag, maximal fünf Tage die Woche, arbeiten. Demnach hätte ich heute frei.

Kaum bin ich in der Küche, kommt Tochter Maria und will mir Aufgaben geben. Ich spreche an, dass laut der Anzeige maximal an fünf Tagen gearbeitet werden soll.

Sie sagt ihre Farmwerker, wie sie es nennen, arbeiten immer sechs Tage die Woche, Sonntag ist frei. Da müsse sie wohl nochmal mit Lothar reden. Na toll. Trotzdem beauftragt sie mich wieder mal mit Ribissl klauben, diesmal die schwarzen.

Ich verkünde vorher die Weiterreise buchen zu müssen und danach anzufangen. Ein bisschen. Ich habe definitiv nicht vor eine volle Schicht zu machen.

Also setze ich mich noch einmal an den Tisch vorm Haus und buche schließlich den Bus nach Lyon und die ersten drei Nächte in einem Hostel. Puh, endlich ist das erledigt.

Deutlich besser gelaunt lasse ich mir von Maria die Lage der schwarzen Johannisbeersträucher erklären: Hinter den Beerengärten am Hang.

Sie stattet mich noch mit einem alten Ledergürtel und einem kleinen Plastikeimer aus, den ich daran befestigen soll („Duami du dei Händ frui häsd“) und kurz darauf, weiß ich warum.

Ich muss über den Zaun zur Wiese/Weide (ohne Tiere darauf) klettern und befinde mich auf Terrain, das in einem Winkel von etwa fünfzig bis sechzig Grad abfällt.

Mit einer Hand halte ich mich an den Sträuchern fest, während ich pflücke.

Die Brennnesseln gedeihen natürlich auch am Hang prächtig. Aber auch die Aussicht ist wieder sehr schön: Unter mir eine große Wiese voller Wildblumen. Rosa Klee, weiße Schafgarbe und verstreute Glockenblümchen erkenne ich, aber hier wachsen auch viele mir unbekannte Blumen. Dazwischen musizieren diverse Grillen und andere Käfer, die Bienen und Hummeln brummen, hach.

Wichtig anzumerken ist auch, dass es, obwohl ich erst um 9 Uhr bei der Arbeit bin, angenehm ist. Der Regen gestern hat die Temperatur allgemein um mehrere Grad gesenkt, am Himmel sind ein paar dicke Schafswolken und die Sonne ist dezent verschleiert. So kann’s bleiben.

Zu meiner Freude haben die heimischen Vögel den größten Teil der Arbeit schon erledigt und die Büsche sind fast leer.

Da ich hier unten am Hang komplett außer Sichtweite bin, genieße ich erstmal die Aussicht und zücke dann mein Handy. Zu meinem Erstaunen gibt es hier überall 3G und ich lese und schreibe ein paar Nachrichten. Dann betrachte ich noch ein bisschen die Blumen und zupfe einzelne Beeren in den Eimer.

Auch nach einer halben Stunde Pflücken ist nicht einmal der Eimerboden bedeckt und das liegt nicht an meinem Pflücktempo; die sehr wenigen Beeren hängen ganz unten ganz innen zwischen den Brennnesseln. Wortwörtlich setze ich mich zweimal unfreiwillig in eben diese und werde nach Bauernweisheit bestimmt kein Rheuma am Hintern kriegen.

Nach einer guten Stunde mache ich Trinkpause.

Kämpfe mich den Steilhang entlang zurück zum Haus, sehe unterwegs drei einsame Kartoffelpflanzen am Hang, kein Käfer und keine Larve daran zu sehen.

Am Haus hat Tochter Maria wohl doch das schlechte Gewissen überkommen: Aufgabe 2 ist Blümchen pflücken, als Deko für’s Haus. Zwar hat sie inzwischen etwas aufgeräumt, aber trotzdem stelle ich mir Blumensträuße in dem Chaos interessant vor.

Auf dem Rückweg zum Hang treffe ich die Altbäuerin, grüße sie und sie grüßt sogar ganz nett zurück

Ich spreche sie auf die kartoffelkäferfreien Pflanzen an.

Es stellt sich heraus, dass es die Käfer nur auf dem Kartoffelacker gibt. Ich frage, ob die sich dort in der Erde einnisten (woascheinli) und ob sie die Kartoffeln immer an der gleichen Stelle anbauen.

Eigentlich nicht, aber die EU schreibt vor, dass man das nur in ganz bestimmten Bereichen macht. Das finde ich erstaunlich, da die Kartoffeln ja ausschließlich für den Eigenverbrauch sind. Es stellt sich heraus, dass der Hof Fördergelder für landwirtschaftliche Bergflächen bezieht und man jedes Jahr rechtzeitig den Bepflanzungsplan für das nächste Jahr anmelden muss. Und das haben sie beim letzten Mal verpasst.

Die EU mache eh furchtbar viele Regeln. Im

Kuhstall dürfen nur die Kühe stehen und keine Schweine. Sie empört sich weiter: Und wenn auf dem Futtersack oben nicht „bio“ daraufstehe, müsse man Strafe zahlen.

Ich mag die EU.

Die Bäuerin bittet mich noch mir mittags selbst etwas zu kochen, sie würde gleich mit der Tochter noch einmal wegfahren, abends würde sie dann Kaiserschmarren machen oder so etwas.

Ok.

Nach weiteren dreißig Minuten pflücken sind die Sträucher vollends kahl und ich setze mich noch einen Augenblick in den Schatten eines Obstbaums. Zumindest versuche ich das, rutsche aber sofort und stemme mich letztlich mit den Wanderschuhen ins Gras. So festgeklemmt verharre ich eine Weile und genieße die Ruhe.

Als ich schließlich wieder hoch zum Haus steige und rutsche, pflücke ich auf der Wiese noch ein paar Blümchen. Den Rest hole ich von anderen Wiesen und Beeten und beeile mich, dass die Blumen in der Mittagssonne nicht schon welken, bevor sie in die Vasen kommen.

Vorm Haus treffe ich das Feriengastpaar. Sie fragen mich, ob ich spazieren gehe, ich antworte, dass ich noch gearbeitet habe. Sie fragen, warum ich denn nicht bei den anderen oben auf der Hütte bin. Ich gucke fragend und erfahre, dass scheinbar die Familie da oben zusammengekommen ist und gemeinsam zu Mittag isst.

Aha. Ich frage mich, ob die da auch arbeiten.

Da ich jetzt erst recht keine Lust mehr auf die Höfler habe, ziehe ich mich an meinem freien Nachmittag wieder auf die Blumen-Obstwiese zurück und suche mir eine Stelle, an der ich freihändig sitzen kann. Todesmutig, im potentiellen Zeckengras! Ich werde allmählich waghalsig.

Nach einiger friedlich-idyllischer Zeit klettere ich wieder zurück zum Haus und stelle fest, dass sämtliche Hühner frei herumlaufen und vergnügt im Gras herumpicken. Ich frage mich kurz, ob sie absichtlichen Freigang bekommen haben, aber das leicht im Wind schwankende Tor zum Gehege wirkt nicht so.

Ich gehe ein paar Schritte auf die Hühner zu und sie weichen mir aus wie wenn man versucht vorbeischwebende Flusen aus der Luft zu fangen.

Ich gehe erst einmal zum Haus und treffe auf den Jungbauern, der gerade Holz ablädt. Ok er arbeitet also auch. Ich erzähle ihm von den Hühnern und frage, ob ich sie wieder einfangen soll. Er zuckt mit den Schultern, theoretisch ja, aber praktisch funktioniert das meistens nicht. Am Abend kämen sie meist von selbst herein. Ich könne es versuchen, aber nicht zu lange.

Ich gehe ins Haus, trinke etwas und schnappe mir den randvollen Biomüll-Hühnerfutter-Eimer, in dem sich Gemüsereste, Pfirsichsteine und eine große Ladung Spaghetti befinden, die Jungbauer & Co zu viel gekocht hatten und scheinbar nicht mehr essen wollen.

Die Hühner sind noch unter verschiedenen Büschen verteilt, als ich mit dem Eimer das leere Gehege betrete und lautstark mit dem Eimer klappere. Aufgeregtes „Boooaaaaaak“ verbreitet sich unter den Sträuchern. Ich klappere noch einmal und die ersten Hennen setzen sich in Bewegung. Ich kippe den Eimer aus und nach einer Minute sind alle elf Hühner, einschließlich Hahn, wieder im Gehege und ich mache von außen zu.

In Anbetracht des ausgeklügelten Schließmechanismus war dieser Hühnerausflug auch kein Wunder.

Zurück am Haus ist der Jungbauer überrascht über meinen Erfolg und noch mehr Kinder und Enkel sind eingetroffen.

Eine Nachbarin kommt vorbei und bringt eine riesige Kiste frische, leuchtend orange-gelbe Marillen vorbei. Sie vereinbart mit der Familie, diese mit Heuarbeiten des Jungbauern zu verrechnen.

Alle fallen über die Marillen her und auch ich probiere – sehr, sehr lecker. Süß, aromatisch, perfekter Reifegrad.

Als die vielen Kinder und Enkel weg sind, liegen wieder überall die obligatorischen abgelutschten Steine herum. Dazwischen stehen Lothars obligatorische Tinkturen, Flaschen mit Kurkuma-Extrakt, den er offenbar täglich trinkt und frisch angesetzter Kombucha. Davon hat er mich gestern probieren lassen: Schmeckt wie mega süßes Bier. Daneben steht ein Topf, dessen Boden fingerhoch mit schwarzer Flüssigkeit bedeckt ist. Als ich an Tag 2 die Küche aufgeräumt hatte, war ich schon nicht sicher gewesen, ob ich es wegkippen durfte. Beate bekräftigte dann, sie habe auch keine Ahnung was das sei, aber lieber mal stehen lassen.

Es nieselt wieder und ich gehe erstmal hoch.

Im Bad liegen auf dem Schränkchen jetzt gräuliche Boxershorts.

Die Kohletabletten wirken nicht, ich frage mich allmählich, ob es am Essen liegt oder vielleicht doch am Leitungswasser.

Ich hatte direkt am ersten Abend den Unterhosennachbarn gefragt, ob man das trinken könne.

„Klua, beeschtees Quuällwossoa!“

Ich habe später noch Lothar gefragt, der mir erläuterte, dass das Wasser aus einer Quelle dreihundert Meter überm Haus stammt. Ich denke immerhin schon damals daran, dass ganz oben auf dem Berg die Kühe stehen und dazwischen noch einiges andere Vieh und hoffe, dass über der Quellschicht eine ordentliche Deckschicht mit sehr guten Filtereigenschaften liegt. Und kein Kuhabwasser oder sonstiges in die Quelle kommt.

Jedenfalls trinke ich seit ich hier bin ausschließlich Leitungswasser und frage mich jetzt, ob ich auf Tee umsteigen sollte. Und ob der hohe Bierkonsum des Altbauern praktische Gründe wie im Mittelalter hat.

Noch zweieinhalb Tage, in denen ich es mit Tee versuchen könnte, allerdings ist der Aufwand alles abzukochen ziemlich hoch.

Später treffe ich wieder Maria in der Küche, die fragt, ob ich die Nudeln mit Soße auf dem Herd zu Abend essen will. Ja, warum nicht, ist mir eigentlich lieber als Kaiserschmarren. Da es erst 16:30 Uhr ist, plane ich das Essen für später ein.

Als ich dann um 18 Uhr wieder in der Küche bin, ist der Topf leer, lediglich neue Spaghettireste warten darauf, Hühnerfutter zu werden.

Der Jungbauer kommt rein und kommentiert es damit, dass einer seiner Brüder Hunger hatte.

Super, ich gucke also in den Kühlschrank und finde zwei vertrauenserweckende Käsesorten: leckeren Bergbauern-Camembert und ein riesiges Stück Parmesan. Ich hole aus der Speisekammer den Salat vorm Vortag, den man dort grundsätzlich ungekühlt in einer Dose lagert. Die brauen Enden landen im Hühnereimer, der Rest kriegt Öl und viel Essig, desinfiziert. Zum Brot schneide ich mir noch vom Käse ab und entdecke am Parmesan Zahnspuren. Angeekelt schneide ich eine riesige Scheibe ab und lege sie für die Vierbeiner beiseite.

Mit Salat, frisch angeschnittem Parmesan, Camembert und Brot setze ich mich wieder an den Tisch vorm Haus, wo wieder eine neue leere Bierflasche steht.

Kugelblitz und Hund gesellen sich zu mir und bekommen von mir das Parmesanstück mit Fraßspur.

Ich esse Salat, Brot und Camembert auf und habe dann trotzdem nicht mehr so richtig Appetit auf den Parmesan. Also mache ich den Fellnasen eine Freude mit einem großen Abendsnack, gehe wieder herein und esse noch zwei Zwetschgen.

Ich telefoniere ein bisschen mit der Heimat und bemerke vom weiten, dass die Hühner wieder frei sind. Einfangen lohnt ja kaum.

Gegen Ende des Telefonats gehe ich dann doch nochmal zum Stall und bemerke ein Gluckern aus dem geschlossen Innenraum, während die Gehegetür weiter offen steht.

Geflissentlich mache ich die Tür zu und spähe durch das Gitter in den Innenraum des Stalls, um zu sehen, ob die Hühner tatsächlich drinnen sind. Es bietet sich mir ein harmonisches Bild.

Mir fällt noch ein, dass morgen eine zweite Hofhelferin kommen soll, ich spreche Lothar in der Küche darauf an („Oachjoa“). Wann sie ankommt, weiß er nicht, sie komme mit eigenem Auto.

Schlauer Zug, so ein Fluchtfahrzeug.

Wohin sie einquartiert wird, wisse er noch nicht. Na denn.

Ich bin in meinem Zimmer, es ist 20:09 Uhr.

Eine Männerstimme ertönt im Flur vor meinem Zimmer, kommt dielenknarzend näher und singt laut „JÄÄÄSCHUU-UUU-AAAA, JÄÄÄSCHUU-UUU-AAAA, JÄÄÄSCHUU-UUU-AAAAAAAAA…!“

Die Holzdielen quietschen und die Stimme stapft die Treppe hinab.

Ich realisiere, dass ich heute dem Altbauern kein ein einziges Mal über den Weg gelaufen bin, puh!

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