Morgens, 7 Uhr, ich stehe alleine in der Küche und suche die Haferflocken.
„Guaden Moageen.
Diech sieht mon joa ieberhaauupt niiiecht!
Boim Friestick biest niecht doboi…
Niecht boi dä Moagenandocht doboi… Dos ies niecht guad… Da kummst niecht in dä Himmäl…“
Der Unterhosennachbar ist reingeschlurft und hat scheinbar sogar ein bisschen Humor.
Er erläutert, dass der Altbauer beim Frühstück dreimal nach mir gefragt hat und mir unterstellt, ich wolle mich von der Morgenandacht fern halten.
Recht hat er! Und vor ihm!
Die Altbäuerin hat ihn aber wohl beschwichtigt, ich frühstücke nicht und fange früh an. Soll mir recht sein.
Wenig später kommt sie in die Küche und instruiert mich für den Tag: Ich soll Mittagessen zubereiten (Doi Gmiespfoannä konnsch mochä), außerdem das Bad oben putzen (Iiiiiiieeehhhh) und später mit Vorbereitung für den Vortrag der Tochter helfen.
Ich beginne also bald Gemüse zu schnippeln: Drei Paprika aus dem Kühlschrank, alle Tomaten, die ich auf Arbeitsplatte, Schränken und Speisekammer verteilt finde, zwei Gemüsezwiebeln, eineinhalb herumliegende Zucchini. Dann bringt die Alte mir noch drei niedliche Minibrokkoli aus dem Gemüsegarten, einem neuen Salatkopf und eine Gurke, die Tomi Ungerer als Vorlage für Kotzgurken gedient haben könnte: Eine gelb-grünliche, stachelige Keule mit Längsstreifen.
Ich schnipple also brav, bis ich mir kräftig in den Finger schneide. Messer an der halben Gummizucchini abgerutscht.
Ich habe mich gerade verarztet, als Bäuerin Beate wieder reinkommt. Sie fragt mich, ob ich mitkommen will zum Einkaufen, im Ort gäbe es auch eine Käserei, bei der man zuschauen könnte.
Ich schaue auf das halb geschnippelte Gemüse und komme gerne mit. Wir stoppen kurz bei der Vortragstochter, die in einem Haus unten im Dorf wohnt. Hier wirkt es recht normal, auch wenn selbst auf dem Katzenkalender Bibelsprüche stehen.
Die Tochter ist vielleicht Anfang vierzig, drahtig, nett und backt gerade Begleitkuchen für ihren Vortrag. Wir kriegen eine Einkaufsliste und fahren los, um für sie, den Unterhosennachbarn und den Hof ein paar Einkäufe zu erledigen. Unter anderem muss Beate zwei Kästen Bier umtauschen, sie hat neulich das falsche für ihren Mann gekauft.
Auf der Rückfahrt vom Einkaufen, auf dem Weg zur Käserei, kommen wir irgendwie auf Kräuter und Heilmittel. Die Altbäuerin erzählt mir, dass sie auch Salben herstelle. Aus aufgebrühtem Ziegenkraut und Fett. Das helfe sehr gut bei vielen, zum Beispiel auch Nierenleiden. Ich frage interessiert nach und erfahre, dass Ziegenkraut die lokale Bezeichnung für Ackerschachtelhalm ist, welcher bei den Nachbarn meiner Eltern als hartnäckiges Unkraut jedes Jahr bekriegt wird. Außerdem lerne ich noch die Vor- und Nachteile verschiedener Fette wie Olivenöl, Schweinefett und Sheabutter bei der Salbenherstellung. Ich nehme mir vor, eines Tages auch mal eine Salbe zu machen – und wenn nur eine, die gut riecht.
Wir erreichen die Käserei, einen hübschen Flachbau, der komplett aus heimischen Holz errichtet wurde. Drinnen duftet es ein bisschen nach Wald.
An der Außenwand befindet sich eine Art umgekehrte Zapfsäule, an die täglich der Milch-LKW fährt und die Käserei mit Milch betankt.
Drinnen gibt es mehrere Videos, auf denen Sennerinnen und Senner Heu rechen, Kühe und Ziegen füttern und melken und hinter den Ohren kraulen. Dann werden die Milchkannen vom Milch-LKW abgeholt und letztlich zur besagten invertierten Zapfsäule gebracht.
Es folgt ein Video zur Trennung von Rahm, Magermilch, Buttermilch und schließlich dem Lab-Zusatz.
Noch ein Video zur Käseherstellung vom Bruch, über die fertigen Laibe, das Lagern im Kühlen und das regelmäßige Bepinseln der Käselaibe mit Salzwasser. Alle hier hergestellten Käse sind bio-zertifiziert.
Dann gehen wir in den Keller, wo wir durch ein Glasfenster die echten Laibe in ihren Regalen reifen sehen.

Beate erzählt mir, dass sie früher auch mal Käse hergestellt hat. Ich frage, ob die Laibe dann im Kartoffelkeller unterm Haus gereift sind. Genau, nur auf die Fliegen müsse man unheimlich achten. Sie haben dafür eine Rahmenkonstruktion mit Netz gebaut.
Wir trinken noch eine Tasse Kaffee bzw. Tee im Käserei-Café, Beate kauft ein Stück Kräuterkäse und dann geht es zurück.
Es ist schon nach halb zwölf, ich muss mich ziemlich beeilen mit dem Kochen. Zum Glück ist einer der Söhne, ach nein, ein Enkel, heute dabei, sucht aber gerade noch die Kühe auf der Alm.
Ich schnipple, auf meine Finger achtend, noch mehr Gemüse und eine kleinere Zwiebel, die mir die Tränen in die Augen treibt. Praktisch, dass ich mich hier nicht schminke.
Als alles in einen riesigen Topf mit Olivenöl und Knoblauch brutzelt, suche ich nach Gewürzen, finde aber nur getrocknetes Basilikum und Salz. Ich entsinne mich, dass im Rasen wilder Thymian wächst und füge den weniger später hinzu.
Um kurz vor 12 Uhr bin ich tatsächlich fertig und habe einen riesigen Berg knackig gebratenes Gemüse, Pellkartoffeln und Salat mit entkernten Kotzgurkenstücken vorzuweisen. Und bringe dazu noch Feta mit, den es aber separat gibt, da der Altbauer weder den noch Mozzarella mag.
Die Altbäuerin freut sich, dass ich so schnell war, allerdings ist der Enkel noch nicht zurück. Dann fragt sie, wie weich denn das Gemüse sei und ob sie es beißen könne. Ich erkläre die Möhren als erstes gegart zu haben und dass wohl alles weich genug sei, bitte sie zu probieren.
Tut sie, erklärt mir sie sei alt und stellt den Topf „noach a biessl“ auf den Herd. Ihre Zähne habe ich nie gesehen, aber mir erscheint der Altbauer mit recht großen Schneidezahnlücken nebst offenem Hemd und Hosenträgern vor Augen.
Ich nutze die Zeit, um aus den Pellkartoffeln Bratkartoffeln zu machen und dann kommt auch der Enkel. Das Gemüse hat auf dem Herd inzwischen sein Volumen halbiert und Beate ist zufrieden mit der Konsistenz.
Zusammen mit dem Enkel, dem Alt- und Jungbauern und dem Unterhosennachbarn, der jetzt wieder sein Tanktop trägt, setzen wir uns draußen an den Tisch. Die Vortragstochter kommt doch nicht, weil sie noch übt.
Es folgt das übliche Tischgebet und alle langen zu. Der Unterhosenplusnachbar freut sich über den Fetakäse, der Enkel mag ihn nicht. Nach einer Weile des Kauens lobt Beate ausdrücklich das leckere Essen. Es schmecke ihr sehr gut, ich könne jetzt öfter kochen. Ich freue mich über so viel Lob, aus ihrem Mund gar unglaublich.
Altbauer Fritz, ihr heute gegenüber, guckt ein bisschen missmutig auf seinen Teller und murmelt „Koi Würschtle…“
Der Enkel fragt mich, ob ich Veganer sei. Ich gucke auf meinem Feta und verneine. Und erkläre, ich esse allgemein nicht so viel Fleisch. Er kaut weiter und ich finde es erstaunlich, dass diese oberreligiösen Leute an einem Freitag ihr Fleisch so vermissen.
Nach dem Mittagessen verabreden Beate und ich uns für 15:30 Uhr zum „Buadä moachä“, was wohl Schnittchen schmieren für den Abend heißen soll.
Ich überlege mir derweil eine gute Ausrede, weshalb ich abends nicht mitkommen kann und unbedingt telefonieren muss.
Am Nachmittag, der Himmel zieht sich langsam zu, treffen noch mehr Kinder und Enkel ein, ich verliere den Überblick komplett. Die meisten sind nicht gesprächig, nur einer schüttelt mir die Hand.
Dann kommt noch eine Frau rein, bei der ich mir nicht ganz sicher bin, ob es die Freundin vom Jungbauern ist und lächle daher vorsichtshalber erstmal nur nett. Am Vortag hatte ich den Feriengast zwischen den Söhnen und den Altbauern am Traktor gesehen, ihn ohne Frau und Hemd nicht mehr zuordnen können und mich ihm ein zweites Mal vorgestellt. Peiiinlich.
Die Frau kenne ich aber doch noch nicht und sie stellt sich netterweise selbstständig als eine der Töchter vor.
Um halb vier, draußen ist es inzwischen sehr grau, sitzt Beate schon am Küchentisch, vor ihr ein riesiger Berg fertig geschmierter Brote. Mit selbstgemachtem Aufstrich aus Kräutern, gemahlenen Nüssen und Topfen (Quark). Ich soll nun beim Pralinenrollen helfen. Nach dem schönen selbstgemachten Aufstrich und Brot, erwarte ich einiges von den Pralinen und bin erstaunt über den Minzgeruch. Es stellte sich als pürierte After Eights heraus, die wir nun in Kokosflocken wälzen.
Auf dem Weg zurück zum Junggesellenhaus sehe auf dem Herd meinen Gemüsetopf. Neben dem übrig gebliebenen Gemüse befinden sich darin nun auch die Reste von Bratkartoffeln, Feta und Salat. Ich frage mich traurig, ob das nun alles als Hühnerfutter endet.
Den restlichen Nachmittag verbringe ich zwangsweise drinnen bzw. ein bisschen unterm Vordach beim Stall, von wo ich das regnerische Panorama betrachte.

Der Vortrag abends soll um 19:30 Uhr beginnen, entsprechend erstaunt bin ich, dass überall im Haus noch jemand herumwuselte, als die Küchenuhr schon 19:15 Uhr zeigt.
Die Uhr ist übrigens eine Erwähnung wert: Leuchtend-rosafarbenes Ziffernblatt und an jeder Stunde ein herzförmiger Ausschnitt, hinter dem je ein Foto der elf Töchter und Söhne hängt. Auf der Zwölf ein Bild der Altbauern zusammen.
Ich putze noch das Bad, zum Glück mit Einmal-Handschuhen und profitiere immerhin selbst immens davon. Bleibt zu hoffen, dass es im Gegensatz zur Küche ein paar Tage sauber bleibt.
Als ich dann endlich allein bin, widme ich mich wieder meiner weiteren Reiseplanung und schreibe quasi allen Leuten, die ich kenne – vielleicht will ja jemand ein Stück mitreisen.
Bevor ich mich schlafen lege, stelle ich den Wecker etwas später, auf 7:15 Uhr. Theoretisch muss ich morgen, Samstag, ja nicht arbeiten und kann am Vormittag meine Weiterreise buchen. Aber man weiß hier ja nie.