Tag 1: Willkommen am Berg

Da bin ich also. Nach gut 16 Stunden, in Kärnten, Österreich. Die nächtliche Busfahrt von Köln nach München war ziemlich schlaflos, die von München nach Kärnten habe ich dann größtenteils verschlafen.

Zwischendurch war ich kurz wach, sah eine Burg inmitten grüner Berge unter blauem Himmel und war ganz zufrieden.

Wer sich gerade fragt, warum das so lange dauert: es war die mit Abstand günstigste Verbindung – und Zeit habe ich ja aktuell.

Bei der Endhaltestelle des Fernbusses in einer Kärntener Stadt kaufe ich noch meine letzte Zeckenimpfung (FSME), da ich Städtler tatsächlich zuvor noch nie dagegen geimpft war. Ich hatte erst ein paar Wochen vor der Abfahrt die Erkenntnis, dass ich die als Bauernhofhilfe mit viel Arbeit im Freien in Österreich brauche. Die Organisation WWOOF für Arbeit auf Höfen schreibt sie sogar vor.

Ich hatte vorher einiges gelesen: Die Zecken gibt es nur bis ca. 1500 Meter überm Meeresspiegel (oder Meter über Adria, wie man hier sagt) und von allen Zecken hat angeblich auch nur jede zweihundertste das Virus. Und längst nicht alle Infizierten haben Langzeitschäden: Manche haben gar nichts, einige nur grippeartige Symptome mit mehrtägig hohem Fieber, aber bei manchen kommt das Fieber nach einigen Tagen wieder und es kann zu bleibenden Lähmungen bis hin zur tödlichen Hirnhautentzündung kommen.

Grund genug mich impfen zu lassen.

Zwei Impfungen hatte ich also in Deutschland, den Wirkstoff für die dritte habe ich dabei, als ich im Lokalbus zum nächsten Dorf des Hofes sitze.

Dort, so der Jungbauer -nennen wir in Lothar-, der die Anzeige für die Hilfe geschaltet hatte, soll ich abgeholt werden.

Aus der Anzeige weiß ich, dass es sich um einen Biohof mit ca. fünfundzwanzig Kühen und Kälbern und sehr viel Land handelt. Dort lebt er, der nach einem sehr entfernten Foto auf der Webseite ca. Mitte dreißig ist, mit seiner Freundin und seinen Eltern.

Meine Aufgabe wird es hauptsächlich sein der Mutter in ihrem großen Gemüsegarten zu helfen. Da ich gerne gärtnere, passt das prima.

Das Portal, auf dem die Anzeige stand, hatte auch Bewertungen, die für den Hof 80% positiv waren. In den Kommentaren dazu las ich, dass hauptsächlich deutsch geredet wird, die Mutter nur Deutsch spricht und daher die Kommunikation etwas schwierig war oder nicht stattfand. Na gut, dieses Problem habe ich ja nicht. Dachte ich.

Bei unserem einzigen Telefonat, noch vor meiner Abreise, konnte ich Lothar zwar nur mäßig verstehen, aber das lag neben dem Akzent auch an einer Mischung aus schlechtem Empfang, Traktorgeräuschen im Hintergrund und der Tatsache, das er dauernd unterbrach, um Anweisungen für irgendwen zu brüllen. Highlight dieser Konversation war, als er mich nach meinen Bauernhoferfahrungen fragte (keine, mal ein Pferd gestriegelt?!, aber Gartenerfahrung). Ich fragte daraufhin, was ich denn machen sollte, schließlich hatten wir vorher Gärtnern geschrieben.

„Joa, Hielfä iem Guadä, vuiloichd och mo uaf de Feld un du solltst och kuuchen kenne.“

„Kurchen??“

„Joa, konnsch des?“

„Ich weiß nicht einmal was das ist.“ (und stellte mir irgendeine Feldpflugtechnik vor)

„KUACHEN!“

Stille.

„UESSE ZUABEREIDE!“

Achso!

Während der Busfahrt bekomme ich eine WhatsApp-Nachricht von ihm, dem bevorzugten Kommunikationsmittel seither. Nicht er holt mich ab, sondern seine Mutter.

Ok.

Nach gut dreißig Minuten kommt der Bus im besagten Dorf an, ich drücke rechtzeitig den Halteknopf, steige mit meinen beiden Rucksäcken aus und sehe mich um. Keiner da.

Es ist 15 Uhr, die Sonne brennt vom Himmel, gut 30 Grad. Ich gehe ein paar Schritte zum nächsten Haus und setze mich auf eine Stufe im Schatten und schon gesellt sich eine sehr verschmuste Tigerkatze zu mir. Ich kraule sie eine Weile, ein Auto kommt, fährt wieder. Nach ein paar Minuten wieder, es sitzt ein Touristenpaar darin.

Es vergehen weitere Minuten mit vereinzelten falschen Autos. Dann fährt eins direkt zur Haltestelle, drin sitzt aber ein Typ in meinem Alter. Also wieder nichts.

„HANNAH?!“

Oh.

„Ja! Lothar?“

„Na! I bien niet doa Lodhar, i bien dr Bruadr.“

Er stellt sich vor, wir schütteln die Hand und ich bemerke, dass an seiner linken die meisten Finger fehlen. Auweia, Landwirtschaft ist gefährlich.

Ich frage, ob er mich nun mitnimmt.

„Na, moi Muadda kummt gli.“

Als diese nach einer Minute tatsächlich in einem älteren silbernen Kleinwagen um die Ecke schießt und abrupt neben uns anhält, verabschiedet er sich und fährt ab.

Die Mutter, die Altbäuerin, nennen wir sie Beate, stellt sich vor.

Beate ist vielleicht Mitte oder Ende sechzig, hat ein ernstes Gesicht, gerade Nase, schlank, trägt die Haare zum Zopf, eine randlose eckige Brille, rustikaler Rock und sehr alte Geländeschuhe.

Ich lade meine Rucksäcke ein und auf geht’s den Berg hinauf. Nach den paar Worten der Begrüßung ist es still im Wagen. Ich schaue mich um und entdecke auf der Rückbank zwischen diversen Kleinkram eine große, in schwarzes Leder gebundene Bibel.

Plötzlich klingelt es. Ich entdecke ein älteres iPhone mit gelber Glitzer-Sternchenhülle und Spider-App dort, wo normalerweise ein Radio ist.

Beate geht ran und schaltet auf Lautsprecher. Ich höre eine männliche Stimme am anderen Ende. Es folgt eine Konversation mit so viel Dialekt, dass ich mich außerstande sehe hier auch nur Wortfetzen wiederzugeben. Geschweige, dass ich inhaltlich etwas verstanden hätte.

Nachdem sie das Telefonat beendet hat, erklärt sie, es war ihr Sohn, der uns gleich entgegen kommt. Lothar? Nein, nicht Lothar.

Wenige Sekunden später kommt uns ein Traktor entgegen, es wird gewunken und schon ist er weg.

Wie viele Söhne hat sie, will ich wissen.

Fünf.

Fünf!!! Denke ich mir und finde es erstaunlich, dass es alles Söhne sind.

Wir betreiben ein wenig Smalltalk, Beate erwähnt eine Tochter.

Oha. Wie viele Töchter hat sie denn noch?

Sechs.

Ich versuche mich an einem freundlichen Pokerface und mein Blick fällt wieder auf die Bibel.

Nach ein paar Minuten kommen wir am Hof an und die Aussicht ist wirklich schön. Weitblick über Berge, Wälder, Wiesen und am Hang gegenüber die obligatorische Kirche.

Die Bäuerin zeigt mir das vordere Haus, in dem die „Juangs hoase in ihr Junggsellebuad“ und in dessen Dachgeschoss ich mein Zimmer habe. Ich frage mich kurz was mit der Freundin von Lothar ist und bemerke im Eingangsbereich einen wirren Haufen grauer Herrenunterhosen auf dem Heizkörper, auf dem Boden und auf der Treppe liegen Kreuz und quer alte Wanderschuhe, Gummistiefel und Schlappen herum.

Mir werden noch schnell ein paar Räume gezeigt, darunter die Küche. Überall liegt schmutziges Geschirr, dazwischen Schreibblöcke und auf der Arbeitsfläche liegen an verschiedenen Stellen abgelutschte Pfirsichsteine.

„Die Juangs wuide siech siecher fruin, wänn dua die a biessl suaba hältst“

Zweifelsfrei.

Die Ordnung zieht sich durch bis ganz oben. Mein Zimmer ist zwar sehr altersgezeichnet, aber zum Glück recht leer und sauber.

Beate erklärt mir noch, dass sie in der Regel um 7 Uhr frühstücken – sie hatten einmal eine Engländerin da, die hat bis 8:30 Uhr geschlafen!!! Auf meine Frage, ob alle zusammen frühstücken oder jeder für sich, sagt sie, dass die Jungs meistens hier essen und sie drüben. Bei ihr gibt es Mais.

„Mais?“

-„Joa.“

„Wie denn? … als Flocken?“ Ich denke an Haferflocken, Grits, irgendsowas.

-„Noa. Floackn, vuileicht fui kloi Kienda.“

„Ja wie denn dann?“

-„Joa gkoacht“ In meinem Kopf formt sich ein Bild, wie jeder seine Maiskonserve auslöffelt. „Schmeckt guat! Miet Murmelodä oadr miet Kaas.“

Mhh, mal sehen.

Dann lässt sie mich alleine und ich lade mich ab. Nachdem ich das Bett bezogen und ein paar Minuten Pause gemacht habe, gehe ich ins Bad zum Händewaschen. Im Flur bemerke ich eine leere Chipstüte sowie diverse Kartons und Kleidung auf dem Boden.

Im Bad liegen auf einen winzigen Schränkchen zwei ziemlich dreckige Handtücher und eine verstaubte Dose Rasierschaum, dem Augenschein nach schon längere Zeit. Darunter ein altes Computerspiel, daneben eine halb abgebrannte romantisch-bordeauxrote Kerze.

Ich wasche mir die Hände und stelle fest, dass das Wasser nicht abläuft. Sollte ich nachher mal erwähnen.

Als ich wieder runter komme, ist die Küche leer und ich öffne die Haustür. Sofort blickt mir ein mittelgroßer Hund entgegen. Ich frage mich, ob der Hofhund mich nun anbellt, aber er wedelt nur mit dem Schwanz.

Mit einem stereotypischen „Na wer bist denn du?“ trete ich aus der Tür und sehe in der nächsten Sekunde einen alten Mann in Unterhose am Gartentisch sitzen.

Während der Hund mich interessiert beschnuppert, wendet sich der Mann, eine Flasche Bier in der Rechten, langsam mir zu.

Ich grüße ihn und und nehme das Hundkraulen als Anlass einen Schritt Distanz zu halten, während ich kurz prüfend gemustert werde.

Er grüßt zurück. Ich stelle mich vor. Stille.

„Bies dua die neie Foamwärkerin?“

Äh, ja. Ich frage ihn, ob er der Fritz ist (der Altbauer).

Nein, er ist nicht der Fritz. Er ist der Nachbar. Er hatte eine Schulter-OP vor drei Wochen. Jetzt ist er erstmal hier. Der Fritz ist noch auf der Wiese. Im Moment ist keiner da.

Ich finde Beate in der Küche des Nachbarhauses, das sie mit ihrem Fritz und temporär wohl auch dem Unterhosennachbarn bewohnt. Sie sagt sie müsse noch einmal fort, ich würde wahrscheinlich alleine mit dem Fritz schon einmal essen können – und ein Nachbar sei noch mit dabei. Den kenne ich schon. Dann ist sie weg.

Da es noch früh ist, gehe ich zurück zum ersten Haus. Der Unterhosennachbar ist weg, nur die leere Bierflasche steht noch da.

Ich kraule den Hund und bemerke eine fette, rosinengroße Zecke.

Ohgott, Zecken. Ich gucke besorgt auf meine Füße und sehe nichts krabbeln.

Tapfer ziehe ich die Zecke aus dem Hund, er hechelt und ich mache den ekligen Blutsauger platt.

Ich sitze noch ein me Weile draußen, da kommt plötzlich ein weißer Kugelblitz angeschossen. Er stellt sich als plüschige, kleine und sehr schnell rennende Katze heraus, die sofort schnurrend um meine Beine geht.

Mit ihr fühle ich mich ein bisschen heimischer und denke an unsere beiden Tiger zuhause in Köln.

Einige Zeit später treffe ich wieder den Unterhosennachbarn. Er sagt Fritz sei noch nicht da, aber ich könnte ja schonmal in dessen Haus „dos Eesse riechte“.

Da ich keinerlei Ahnung habe, wo sich was befindet und was es überhaupt zu essen geben soll, riechten wir dann gemeinsam, eine Brotzeit.

Nebst Holzbrettern kommt Brot auf den Tisch, Butter und dann beginnt der Unterhosennachbar den Inhalt des Kühlschranks zu inspizieren. Er beschnüffelt jedes Teil, das er herausnimmt und stellt Erwägungen an, wie alt und wie lange es schon geöffnet ist. Mhh! Passt zum Haus.

Der Unterhosennachbar ist offenbar hungrig und ungeduldig und beschließt, als die übliche Heimkehrzeit des Altbauern überschritten ist (normalerweise pünktlich zur Lokalschau), dass wir ohne ihn anfangen. Wir essen eine Weile unser Brot, der Unterhosennachbar lobt die gesunde Rindswurst und ich stelle beim Biss ins Brot fest, dass der Hüttenkäse komisch schmeckt. Zum Glück habe ich nur eine halbe Scheibe beschmiert.

„Iech eess doas niemma“ kommentiert der Unterhosennachbar mehrere Lebensmittel auf dem Tisch.

Dann spricht er noch vom religiösen Fanatismus des Altbauern, wie er nur die Lokalschau und die Bibel an sich heranlässt, dass es jeden Morgen und Abend eine Andacht gibt und dass er versucht alle zu bekehren.

Wir sind schon komplett fertig mit dem Essen, ich habe auch nicht mehr so richtig Appetit, als der Altbauer mit dem Traktor ankommt.

Er verschwindet im Haus und nach ein paar Minuten höre ich ihn im Flur. Zwecks Begrüßung gehe ich raus und stelle mich vor.

„OAHA! DIE HUANNAH BIEST DO!“

Und setzt nach „DUA BIES DIE VUIHEIRODÄDÄ!“

Ja, gut, dass DAS geklärt ist.

Er blickt an mir herab.

„UAND SCHEEN GRUOS BIES DUA AU!“

Er steht eine Stufe über mir und mit meinen 1,77 m bin ich immer noch etwas größer als er.

„Woas hoast fui gruosä Schuh on! Di muasto moa ouziehä!“

Seufz. Der Unterhosennachbar und ich setzen uns noch einmal zu ihm an den Tisch, während er isst. Zum Ende verlangt er, dass ich die Abendandacht lese und hält mir eine Art Tageskalender mit biblischen Kurztexten vor die Nase.

Ergeben brülle ich in Altbauer-angemessener Lautstärke die Kurzgeschichte in den Raum, er ist zufrieden.

Von den anderen Hofbewohnern ist weiter nichts zu sehen. Irgendwann gegen 20:30 Uhr kommt dann Bruder Wenigfinger in die Junggesellenküche. Er sagt Lothar komme noch und sei noch auf dem Feld gewesen zum heuen. Ich bewundere, dass sie das so lange bei dieser Hitze tun. Es sei viel zu tun im Moment sagt er. Und dass ich morgen mit zum rähen mitkommen kann. Zum was? RÄHEN! Ich verstehe, dass Heu zusammengerecht werden soll.

Da ich laut Vereinbarung nur vier bis fünf Stunden am Tag arbeiten muss, frage ich, ob mich dann mittags jemand zum Hof zurück bringt.

Ja vielleicht, kommt als Antwort. Oder ich mach den ganzen Tag und kriege dann den nächsten Tag frei.

Neun bis zehn Stunden Heu rechen. Am ersten Arbeitstag. Puh…

Man sieht mir meine Gedanken offenbar an: Wenn ich ihnen sonst umfalle, mache ich eben nur bis Mittag.

Kurz darauf kommt Lothar in die Küche. Auf dem Foto dachte ich, er steht nur aufgrund der Hanglage so gekauert, aber dem ist nicht so. Er grüßt, sagt ich kann mich an allen Lebensmitteln bedienen, Frühstücken tun die Eltern nebenan, ich kann das ruhig hier. Ich erwähne noch kurz den verstopften Ablauf des Waschbeckens.

„Huit reparuire mi dos nimma.“ ich soll das Waschbecken im Nachbarzimmer nehmen, das müsste gehen. Er verabschiedet sich.

Ich fühle mich nach den ersten Erlebnissen auf dem Hof bzw. mit dessen Bewohnern schwer deplatziert und möchte eigentlich wieder weg.

Ich überlege, was meine Optionen sind (direkt wieder abreisen? Zurück nach Köln? Hostel in der Stadt? Weiterreise nach Slowenien?) und Klage erstmal Familie und Freunden mit Kurznachrichten mein Leid.

Da ich heute kaum mehr flüchten kann gehe ich nach diesem sehr langen Tag hoch und dusche. Der Innenraum der Sitzwannendusche ist immerhin sauber. Keine Zecken an den Beinen. Im Waschbecken steht in unveränderter Höhe noch das Wasser vom Händewaschen.

Zum Zähneputzen gehe ich ins beschriebene Nachbarzimmer, es sieht noch wilder aus als im Flur. Ich lasse vorsichtshalber das Wasser etwas laufen und stelle fest, dass es sich auch hier im Waschbecken staut. Schließlich putze ich mir die Zähne in der Dusche.

Auf meine Nachrichten erhalte einige tröstende und mitleidige Antworten und den Ratschlag notfalls per Taxi zu flüchten.

Schließlich lege ich mich schlafen.

Erst kreisen meine Gedanken weiter um Flucht, schließlich schlafe ich doch ausgelaugt ein. Um 2 Uhr werde ich wieder wach, habe von seltsamen Unterhaltungen mit seltsamen Menschen geträumt, die sehr, sehr lange ihren Berg nicht verlassen haben und von Zecken.

Ich kann nicht mehr einschlafen und kontrolliere mitten in der Nacht vorsichtshalber nochmal mit Handylicht, ob doch irgendwo eine Zecke sitzt. Zum Glück nicht. Irgendwann döse ich wieder weg.

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