Tag 4: Ribissl (oder so) klauben – Schon der vierte Tag und ich bin immer noch hier, wer hätt‘s gedacht.

Nach einer sehr warmen und daher schlafarmen Nacht (ich weiß, ihr armen Städter seid mit der Rekordhitze deutlich schlimmer dran) unterbricht mal wieder der Wecker meine Ohropax-Ruhe.

Für kühlere Arbeitstemperaturen verzichte ich heute aufs Frühstück, kurz geduscht und in die übliche Arbeitskleidung gerobbt.

Mit Blechschüssel bewaffnet, gehts also um kurz nach 7 Uhr in den Ribissl-Guardön. Als ich diesen gerade durch das Törchen neben dem Schuppen betreten will, raschelte es plötzlich lautstark neben mir, im am Schuppen lehnenden Holunderbaum. Genau auf Kopfhöhe.

Ein fettes Eichhörnchen? Oder sonstige Überraschung (in dieser Gegend weiß man ja nie)? Ich trete einen Schritt zurück. Und sehe in das runde Gesicht vom Kugelblitz. Die Katze brummt und schnurrt gut gelaunt ein guten Morgen von der äußersten Dachlatte. Und ich weiß jetzt, wo sie immer so plötzlich herkommt, wenn ich zu den Hühnern gehe.

Ein nettes Katzenbild vorm morgendlichen Bergpanorama.

Danach erlebe ich offiziell den ersten Selfie-Fail meines Lebens. Animiert vom putzigen ersten Bild, dachte ich ein Selfie mit Katze sei bestimmt nett. Stelle mich in Pose unter/vor sie, halte die Kamera hoch, will gerade die schönste Perspektive suchen… und im nächsten Augenblick merke ich, wie sich von hinten eine bekrallte Pfote in meinen Haaren versenkt.

Ich bin mir nicht sicher wie böse dieses doofe Vieh es meinte, aber es ergab ein doppelt unvorteilhaftes Foto, zum einem natürlich dank meines ungeschminkten Hinterwäldlerstylings, zum anderen weil es einen Schmerzens-Schreck-Schrei von mir dokumentiert, während Ruby unbeteiligt, eine Pfote in meinen Haaren, in die andere Richtung guckt.

Yay. Auf zur Arbeit.

Die Sonne scheint noch matt aus dem Osten herüber, Temperatur gefühlt 23 °C, angenehm.

Die Ribissl leuchten am Hang glänzend rot und erfreulich unbeweglich (im Gegensatz zu den Kartoffelkäferlarven) an den rund zwei Dutzend Büschen. Dahinter das Bergpanorama.

Ich mache mich also Brennnessel-niedertrampelnd an den ersten Busch. Als ich unter dem dichten Grün dabei auf etwas hell-knirschendes trete, freue mich wieder einmal über meine dicken Wanderschuhe – es stellt sich als alte Fensterscheibe heraus, vermutlich vom Gewächshaus.

Eineinhalb Pflückstunden später, die Weste hängt längst wieder über dem Zaun, ich bin bei der zweiten großen Schüssel, späht plötzlich der Unterhosennachbar über den Zaun. Er trägt diesmal sogar Tanktop und kurze Hose und beginnt unvermittelt eine „Konversation“, sozusagen. Er will wissen wie ich mit dem alten Bauern klarkomme.

„Joa…“ antworte ich diplomatisch und erzähle von dem Bekehrungsversuch am Vorabend und bedanke mich zugleich für die Vorwarnung.

Er zieht daraufhin ausgiebig über den Alten, seinen religiösen Fanatismus und seine zunehmende Demenz her, wegen der er alleine nicht mehr mit dem Auto „runter“ fährt.

„Miet dee Traktor ien de Bärgen fiendet er schua meist zrick. …oaboa dounten of dä Stroaßä…“

Aha. Passt zu meiner Feststellung, dass spontaner Themenwechsel die beste Rettung aus Bekehrungsversuchen und jeglichen unangemessen Fragen ist.

Der Unterhosenplusnachbar fährt noch eine ganze Weile fort und wie üblich muss (und kann, selbst wenn ich will) ich nichts sagen und pflücke weiter Johannisbeeren. Er hilft mir derweil, in dem er von der anderen Seite des Zauns direkt in seinen Mund pflückt.

Ich erfahre noch, dass der Alte in seiner Zeit als Landwirt niiiechts instand gesetzt hat und der junge Bauer nun in quasi alles Unsummen investiert (Maschinen, Hauskläranlage, Forstarbeiter, Gebäude, Wohnhausisolierung, Unsummen). Ich frage mich weiter wo das Geld herkommt.

Unvermittelt berichtet Herr Unterhosenplusnachbar, dass er gleich mit der GEMA telefoniert. Die hätten sich über die Musik bei seinen YouTube-Videos beschwert. Ich bin erstaunt. Er mache das nur zum Spaß, habe da extra Mendelssohn und Co auf die Videos passend zusammengeschnitten. Die Aufnahmen stammten von seinem alten deutschen Schallplatten aus den 1960ern, da könnten doch keine Urheberrechte mehr drauf sein.

Hiermit will er verschwinden und ich frage noch rechtzeitig nach dem Afrikavortrag der Tochter.

„Alläs nua vü Kiachn-Spändn! I geh doa nied hien.“

Alles klar, Verdacht bestätigt.

Um 11 Uhr habe ich sechs Schüsseln Johannisbeeren gepflückt und die Sonne brennt. Ich gieße noch die Tomaten unten und im Gewächshaus.

Da sich nach Aufdrehen des Wasserhahns lange nichts tut, nasche ich ein paar Himbeeren und der Schlauch beginnt endlich zu tröpfeln. Während es ins Beet tropft, schaue ich mir das Gewächshaus an, welches an den Beerengarten grenzt. Trotz Südausrichtung und mittlerweile ca. 32 °C Außentemperatur ist es hierin vergleichsweise angenehm kühl. Das liegt zum einen daran, dass es zur Hälfte mit Wein überwuchert ist, zum anderen daran, dass es keine Scheiben mehr besitzt. Ich erinnere mich an das Knirschen am Morgen. Ich gieße also noch die Laube, mache drinnen in der Küche ein paar Fotos der Johannisbeerernte und mein Arbeitstag ist vorbei.

Den Nachmittag verbringe ich mit Schlafen 🙂 und dem ersten richtigen Eintrag an diesem Blog. Draußen gewittert‘s derweil.

Später gehe ich, mit den Lieben zuhause telefonierend, ein Stück den Berg herauf. Wenn ich spreche, muss ich stehen bleiben um nicht zu japsen. Die neuen Laufschuhe bescheren mir derweil Blasen an den Fersen.

Oben treffe ich ein paar interessierte Kühe und schließlich wende ich in Anbetracht meiner Blasen. Auf dem Weg herunter erkenne ich in dreihundert Metern Entfernung den Unterhosenplusnachbarn, der den Berg mir entgegen emporstakst. Zum Glück telefoniere ich noch, freundliches Nicken und weiter mit schöner Aussicht.

Zuuufällig verpasse ich die Abendbrot-Andachtzeit und mache mir wieder Spiegeleier mit Brot und einer Tomate und habe wieder einmal Gesellschaft.

Später treffe ich die Bäuerin: Morgen soll ich helfen den Vortrag der Tochter vorzubereiten. Das wird interessant.

Ich muss endlich die Abfahrt planen!

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